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Michael
Kalchgruber - Der Rebell des Mühlviertels
„Der Kalchgruber und seine Zeit“
Michael Huemer vulgo Kalchgruber
Das beginnende 19. Jahrhundert war für die Landbevölkerung des Mühlviertels
denkbar schlecht. Die Obrigkeit versuchte durch horrende Steuern und
Zwangsarbeit (Robot) auf den herrschaftlichen Gütern das Letzte aus den
Bauern herauszupressen. Die lokalen Behörden waren korrupt und
interessierten sich mehr für ihre eigenen Taschen als für das
Wohlergehen ihrer Untertanen.
In dieser Zeit wurde der Bauernsohn
Michael Huemer vulgo Kalchgruber zum Richter von Katzbach gewählt.
Energisch setzte er sich für die Belange der Katzbacher Bauern ein und
verfasste mit Erfolg auch Beschwerden für die Nachbargemeinden. Nachdem
er sogar beim Kaiser Audienz erhalten hatte, wurde er im Mühlviertel
als Sprecher der Unzufriedenen bekannt. Dem Beamtenstaat war sein
Treiben ein Dorn im Auge und so verhaftete man ihn kurzerhand als
Bauernaufwiegler und Lügner. Nach 102 Tagen Haft wurde der aufsässige
Richter frühzeitig entlassen, um seine Felder bestellen zu können.
Danach sollte er wieder kommen und die restlichen 16 Tage absitzen. Die
Behörden glaubten wohl den Kampfgeist des Richters gebrochen zu haben,
doch sie fehlten weit.
Entgegen der behördlichen Anweisung
tauchte Michael Kalchgruber unter und verfasste weiterhin
Beschwerdeschriften an den Kaiser. In diesen Schriften rechnete der
ehemalige Richter mit dem Beamtenstaat gehörig ab. Seine Texte
richteten sich vor allem gegen die Obrigkeit, gegen die korrupten
Beamten, aber auch gegen moralische Missstände, wie so manchen
unsittlichen Dorfpfarrer. Niemand schien vor ihm sicher zu sein. Die Behörden
gerieten immer mehr unter Druck und setzten eine Belohnung auf die
Ergreifung des Flüchtigen aus.
Doch auch die Bauern verstanden es,
ihren „Doktor Michel“ zu verteidigen. So drohten sie - Jedem der zum
Verräter wurde, den Hof anzuzünden. Bestärkt durch die Schriften
Kalchgrubers erhoben sich immer mehr Bauern gegen die Obrigkeit.
Besonders in Schwertberg weigerten sich unzählige Bauern weiterhin den
Robot zu leisten. Die bloßgestellten Behörden begannen nun, verdächtige
Bauernhäuser zu überwachen und stationierten verstärkt Militär und
Polizei im Unteren Mühlviertel. Doch Michael Kalchgruber blieb
unauffindbar. Die Bauern deckten ihn mit Herz und Seele.
Einmal gelang es der Polizei eine
Kirche zu umstellen, in welcher der Flüchtige die Sonntagsmesse hörte.
Als dies ein Bauer bemerkte, eilte er in die Kirche und man schmiedete
einen Plan. Die auswärtigen Beamten wussten lediglich, dass Kalchgruber
am rechten Fuß hinke. Daran wollte man ihn zwischen den anderen
Kirchengängern erkennen. Als aber die Messe vorüber war und sich die
Kirchentore öffneten, staunte die Polizei nicht schlecht. Jeder
einzelne der herausströmenden Gläubigen hinkte am rechten Fuß. In dem
daraufhin entstehenden Chaos gelang Michael Kalchgruber wieder einmal
die Flucht.
Um den ehemaligen Richter endlich zu
ergreifen, begannen die Behörden Spitzel ins Mühlviertel
einzuschleusen. Jedoch ohne Erfolg. Saß einer dieser Spitzel im
Wirtshaus, so sprachen die Bauern laut über einen falschen
Aufenthaltsort des Gesuchten. So kam es, dass die Polizeieskorten
Kalchgruber an völlig falschen Orten suchten. Die Bauern nannten diese
Taktik liebevoll „Leute verschicken“.
Immer wieder tauchte der Bauernrebell
auf, ermutigte die Bauern zum Widerstand und verschwand ebenso schnell
wieder. 28 Jahre lang schaffte er es, den Behörden die Stirn zu bieten.
In der Zeit seiner Flucht verfasste er 90-100 Hofbeschwerden. Bei einem
durchschnittlichen Umfang von 20 Seiten würde das ein Gesamtwerk von
1.800 bis 2.000 Seiten ergeben.
Um sich vor seinen Verfolgern zu schützen,
errichtete Michael Kalchgruber ein ausgeklügeltes System von
Verstecken, grub eigenhändig Fluchttunnel und reiste lediglich bei
Nacht. In der Landbevölkerung wurde der Bauernsohn Kalchgruber, der
alleine den gesamten Beamtenapparat in Schach hielt, zur Legende. Er war
die Seele des Widerstandes und ermutigte die Bauern sich für die
Gerechtigkeit einzusetzen.
Der endgültige Durchbruch des
jahrzehntelangen Kampfs gelang in Wien durch den Antrag von Hans Kudlich
bezüglich Auflösung der Grundherrschaft und Schaffung einer 3. Ständekammer.
1848 rebellierten die Wiener Bürger gegen den unfähigen Kaiser
Ferdinand den Gütigen, oder, wie ihn die Bevölkerung nannte „Gütinant
den Fertigen“ und erzwangen seinen Rücktritt. Unter seinem
Nachfolger, Kaiser Franz Josef, sollte sich auch für den Bauernstand
einiges ändern.

"Kalchgruberhof" (Nähe
Linz) und die verschiedenen Fluchtorte von Kalchgruber
Doch Michael Kalchgruber war es nicht
vergönnt, sich an dem Sieg zu erfreuen. 28 Jahre hatte er die Behörden
zum Narren gehalten. 28 Jahre, die nicht spurlos an ihm vorübergingen.
Beschrieben die Steckbriefe Kalchgruber zu Beginn seiner Flucht noch als
großen hageren Mann, mit braunem Gesicht und braunen Haaren, so suchte
man 14 Jahre später bereits nach einem älteren Mann mit blassem
Gesicht, auffallend weißen Händen und lichtem weißem Haar. Die Jahre
in ständiger Angst, versteckt in dunklen Löchern, fernab von seiner
Frau und seinen Kindern, forderten nun ihren Tribut.
Michael Kalchgruber starb am 10. Mai
1849 im Beisein seiner Tochter in Oberweitersdorf. Diese teilte nach
seinem Ableben den Behörden mit, man könne den Kalchgruber nun sehen,
er liegt auf dem Laden (Bahre).
Mit ihm endete die lange Geschichte
der Unterdrückung der Bauern. Nie wieder sollte der Bauernstand in jene
Knechtschaft des beginnenden 19. Jahrhunderts zurückfallen. Der letzte
Schritt zur Freiheit war begangen.
Noch heute ist der Mythos Michael
Kalchgruber nicht verblasst. Vor allem in der „älteren Generation“
des Mühlviertels finden sich noch viele, die Geschichten dieses
Rebellen des Mühlviertels erzählen können. Diese Erzählungen wurden
über 150 Jahre von einer Generation an die nächste weitergegeben.
All jenen Geschichten ist eines
gleich. Michael Kalchgruber war ein Mann des Volkes, der für die
Freiheit bereit gewesen war, seine Existenz zu opfern. „ Er war einer
von uns!“.
Benedikt Rohrauer / 2008
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